Bottrop. Wildnis zulassen, Artenvielfalt fördern: Der Regionalverband Ruhr (RVR) und seine eigenbetriebsähnliche Einrichtung RVR Ruhr Grün haben im Köllnischen Wald in Bottrop ein fast 50 Hektar großes Wildnisentwicklungsgebiet (WEG) ausgewiesen. In diesem Gebiet wird die Natur sich selbst überlassen – ohne forstwirtschaftliche Nutzung oder menschliche Eingriffe.
"Damit übernimmt der Regionalverband Ruhr Verantwortung für unser gemeinsames Naturerbe. Dieser neue Rückzugsraum für die Natur mitten in einem der größten Ballungsräume Europas ist ein tolles Projekt. Es schützt die biologische Vielfalt und ermöglicht spannende Einblicke, wie die Natur wieder in ihre eigenen Kreisläufe zurückfindet", so NRW-Umweltminister Oliver Krischer.
Fast 1.000 Hektar (6,5 Prozent) des RVR-Waldbesitzes wurden bereits 2022 als Prozessschutzflächen aus der forstwirtschaftlichen Nutzung genommen. Ein Teil dieser Flächen trägt jetzt zusätzlich den Titel „Wildnisentwicklungsgebiet“ und zahlt damit auf die Bemühungen des Landes NRW ein. Der Großteil der derzeitigen Wildnisentwicklingsgebiete sind in Kernzonen von Nationalparks beheimatet. Kleinere, wie dieses im Köllnischen Wald, leisten einen wichtigen Beitrag im Biotopverbund.
Diese Ausweisung wurde fachlich mit dem NRW-Umweltministerium, dem Landesamt für Natur, Umwelt und Klima und dem Landesbetrieb Wald und Holz NRW abgestimmt. Die Flächen sind jetzt mit der Veröffentlichung im Ministerialblatt dauerhaft rechtlich gesichert.
Dazu Carsten Uhlenbrock, Betriebsleiter RVR Ruhr Grün: „In einer so dicht besiedelten Städtelandschaft wie dem Ruhrgebiet ist es eine besondere Herausforderung, geeignete Flächen für Wildnis zu finden. Mit unserem Wildnisentwicklungsgebiet Köllnischer Wald geben wir der Natur auf fast 50 Hektar Raum für Eigendynamik in einem der ältesten Wälder des Ruhrgebiets.“
Als Prozessschutzflächen wurden im verbandseigenen Wald vorwiegend alte, standortheimische Laubholzbestände ausgewählt. Aber auch gesetzlich geschützte Biotope wie Fließgewässer und Quellbereiche oder Sonderstandorte wie Industriewälder und Feuchtwälder sollen sich ohne menschliche Einwirkung entwickeln können.
Indem man auf eine forstliche Nutzung verzichtet, entwickelt sich langfristig ein kleinräumiges Mosaik unterschiedlicher Waldentwicklungsphasen. Damit erhöht sich auch der Anteil der bislang häufig unterrepräsentierten Alters- und Zerfallsphase in den Wäldern. Zahlreiche seltene und gefährdete Arten von Pilzen, Insekten bis hin zu Vögeln und Fledermäusen sind vor allem auf hohe Totholzanteile und späte Altersstufen angewiesen. Sie werden durch die natürliche Dynamik im Wald gefördert. Darüber hinaus nehmen Prozessschutzflächen wichtige Ökosystemdienstleistungen wahr wie die Reinigung von Boden, Wasser und Luft sowie die Regulation bei Erosions- und Hochwasserschutz.
Grundlage des Konzepts zum Prozessschutz ist die Regionale Biodiversitätsstrategie für das Ruhrgebiet, die die RVR-Verbandsversammlung 2022 beschlossen hat. Das Ziel der Strategie ist die natürliche Entwicklung von Wäldern zuzulassen und rechtlich zu sichern („Urwälder von morgen") gemäß der Prager Erklärung 2009 der EU.
