Umweltindikator // Industrienatur mit Schutzstatus
Industrienatur mit Schutzstatus im Ruhrgebiet
Als Industrienatur werden Biozönosen, also Lebensgemeinschaften, bezeichnet, die sich selbstständig auf ehemaligen Industrieflächen angesiedelt haben. Zu diesen Flächen gehören z.B. Flächen der ehemaligen Montanindustrie, Halden, brachgefallene Gleisanlagen, Bahnhöfe und Gewerbeflächen sowie Bauschuttflächen. Ein gemeinsames Merkmal all dieser Flächen ist die anthropogene Überprägung sowie das Vorherrschen von technogenen Substraten wie Bauschutt, Bergematerial, Schlacken, Aschen, Stäuben oder Schlämmen. Die physikalisch-chemischen Eigenschaften dieser Böden unterschieden sich in den meisten Fällen sehr stark von denen der ansonsten vorherrschenden Böden. Außerdem gibt es oft ein Mosaik von räumlich eng begrenzt stark wechselnden Bodenbedingungen auf einem Standort. Meistens sind auch nicht alle Flächen eines Standorts auf einmal brachgefallen. So bestehen oft nebeneinander unterschiedlichste Sukzessionsstadien. Diese Standortverhältnisse sorgen dafür, dass Industrienaturflächen oft eine sehr hohe Strukturvielfalt und Biodiversität haben. Außerdem unterscheiden sie sich meist hinsichtlich der Artenzusammensetzung deutlich vom Umland. Besonders die offenen, warmen und nähstoffarmen Lebensräume auf den Brachen sind für den Artenschutz sehr wichtig. Sie bieten vielen Arten ein Refugium, die solche Standortfaktoren, die in der Normallandschaft kaum noch vorfindbar sind, benötigen. Einige seltene, typische Arten der Industrienatur sind z.B. das Zierliche Tausengüldenkraut (Centaurium pulchellum), die Golddistel (Carlina vulgaris), die Bluflügelige Ödlandschrecke (Oedipoda caerulescens), die Kreuzkröte (Bufo calamita) und der Flussregenpfeiffer (Charadrius dubius). Auch viele Neophyten, oft aus der Mittelmeerregion stammend, besiedeln als Pionierarten die Standorte. Sie sind aber in der Regel als Bereicherung anzusehen, da sie die Biodiversität erhöhen und sich als Spezialisten kaum ins Umland ausbreiten und heimische Arten verdrängen.
Die Industrienatur bildet heute das Rückgrat der urbanen Biodiversität im zentralen Ruhrgebiet. Neben dieser Funktion sind die Standorte oft auch für die Erholung, Naturerfahrung und Umweltbildung geeignet. Die Industrienatur ist ein klares Alleinstellungsmerkmal des Ruhrgebiets. Nirgendwo sonst in Deutschland nimmt sie so große Flächen ein und ist qualitativ vergleichbar ausgeprägt. Es ist wichtig, dass diese einzigartige Flächenkulisse in möglichst großem Umfang erhalten bleibt und entwickelt wird. Deshalb wird in der Biodiversitätsstrategie für das Ruhrgebiet (2022) auch die dauerhafte Sicherung von mindestens 5.500 ha Industrienaturflächen gefordert. Eine Form der dauerhaften Sicherung ist die Ausweisung von Industrienatur als Schutzgebiet. Für diesen Indikator wurden die Schutzkategorien Landschaftsschutzgebiet (LSG), Naturschutzgebiet (NSG) und Geschützter Biotope (GB) in Betracht gezogen. Außerdem noch die Flächen, die als UNESCO-Welterbe und Industriedenkmal geschützt sind.
Das leistet der RVR
Der RVR besitzt und pflegt mit knapp 1.900 ha Industrienaturflächen etwa 27 % der erfassten Gesamtfläche der Industrienatur im Ruhrgebiet. Dominant sind hier vor allem die weithin bekannten Haldenstandorte. Auch wenn nicht alle diese Flächen einen Schutzstatus aufweisen, werden sie dennoch durch den RVR-Besitz dauerhaft gesichert. Mit dem gesamtregionalen Haldenkonzept hat der RVR ein informelles Kompendium erstellt und die strategische Grundlage für die Entwicklung der Halden im Ruhrgebiet geschaffen. Es behandelt verschiedenste Aspekte wie Biodiversität, die stadtklimatische Auswertung der Halden, die Gewinnung erneuerbarer Energien auf Halden bis hin zur Freizeitnutzung. Durch die Bewerbung für das Naturschutzgroßprojekt Chance.Natur.Ruhr hat der RVR einen weiteren großen Schritt zur Stärkung der Industrienatur in der Region getätigt, da diese ein zentraler Bestandteil des Projektantrags ist.
Interpretation
Insgesamt gibt es im Ruhrgebiet um die 270 als solche erfasste Industrienaturstandorte mit einer Fläche von ca. 7.000 ha. Flächenmäßig stechen besonders die bekannten Bergehalden der ehemaligen Montanindustrie mit ca. 50 % heraus. Daneben gibt es aber auch viele Industriebrachen (27 %), Deponien (17 %), Gleisbrachen (5 %) und Bergsenkungsgewässer (1 %). Es ist deutlich zu erkennen, dass eine starke Konzentration der Standorte in der Verdichtungszone vorliegt. Das liegt daran, dass dieser Teil des Ruhrgebiets besonders stark urban und industriell geprägt ist, bzw. im Falle der Montanindustrie, geprägt war. Auch in der Übergangszone gibt es noch zahlreiche Industrienaturstandorte, allerdings deutlich weniger als in der Verdichtungszone. In der Außenzone hingegen liegen fast keine Standorte, da diese Zone stark landwirtschaftlich sowie durch Bewaldung geprägt ist und war.
Momentan weisen ca. 2.800 ha. Industrienaturflächen einen Schutzstatus auf. Etwa 2.480 ha gehören den Kategorien LSG, NSG oder GB an. Hier muss angemerkt werden, dass nicht immer der Gesamtstandort geschützt ist, sondern manchmal nur Teile davon. Dazu kommt mit der Zeche Zollverein ein ca. 100 ha großes UNESCO-Welterbe und mit der Kokerei Hansa und dem Landschaftspark Duisburg-Nord zwei Industriedenkmäler mit gemeinsam ca. 210 ha Fläche. Damit ist das Ziel der dauerhaften Sicherung von 5.500 ha Industrienaturflächen nur durch diese Form der Sicherung bereits zur mehr als der Hälfte erreicht. Es wird wichtig sein, in Zukunft weitere Industrienaturflächen mit einem Schutzstatus zu versehen und durch die richtige Pflege dauerhaft als Hotspots der Biodiversität zu sichern. In vielen Fällen ist eine multifunktionale Nutzung für Freizeit- und Erholung ebenfalls möglich. Es ist hier zu erwähnen, dass Flächen auch ohne Schutzstatus dauerhaft gesichert werden können, ein Schutzstatus ist aber natürlich aus Sicht des Umweltschutzes besonders erstrebenswert.
Der Atlas Grüne Infrastruktur Ruhrgebiet besteht aus einer umfassenden Geodatensammlung zur Grünen Infrastruktur im Ruhrgebiet und enthält sowohl Daten zu einzelnen Elementen (z. B. Wald, Heide, Park) als auch eine Vielzahl von Analysedaten (z. B. satellitenbasierte Vegetationserfassung, Klimamodellierungen, Hochwasserinformationen). Wo immer möglich, sind auch Zeitreihen verfügbar. Als Begleitprodukt zur Strategie Grüne Infrastruktur Metropole Ruhr bietet der Atlas eine umfassende Grundlage für ein Monitoring, Planungsverfahren, Stellungnahmen und Umweltkommunikation. Aufgrund der hohen Vielfalt an Umweltdaten sowie der vorliegenden Monitoringfunktion (Zeitreihen) ist der Atlas eng verknüpft mit dem Online-Umweltmonitoring für das Ruhrgebiet und stellt für einige Indikatoren die entsprechenden Datengrundlagen bereit.
Für den Indikator “Industrienatur mit Schutzstatus” sind die folgenden Atlas-Layer relevant. Die Kategorien UNESCO-Welterbe und Industriedenkmal sind nicht im Atlas enthalten.
Bestandsflächen Industrienatur
Geschützte Biotope
Naturschutzgebiete
Landschaftsschutzgebiete
Datenquellen
Michael Wachsmann et al. (2023): GIS-basierte Erfassung und Bewertung von Industrienaturflächen im Ruhrgebiet – Teil 1: Identifizierung der Raumpotenziale für Industrienatur
LANUK (2026): Landschaftsinformationssammlung (LINFOS) – Schutzgebietskategorien LSG, NSG und GB
Textquellen
Netzwerk Urbane Biodiversität Ruhrgebiet (2022): Biodiversitätsstrategie für das Ruhrgebiet.
Michael Wachsmann et al. (2023): GIS-basierte Erfassung und Bewertung von Industrienaturflächen im Ruhrgebiet – Teil 1: Identifizierung der Raumpotenziale für Industrienatur
Michael Wachsmann et al. (2025): GIS-basierte Erfassung und Bewertung von Industrienaturflächen im Ruhrgebiet – Teil 2: Bewertung der Raumpotenziale für Industrienatur.
Weitere Umweltindikatoren
Jakob Knipfer
Team 20-4 Umweltentwicklung und Monitoring
Referat 20 Klima und Umweltschutz
knipfer[at]rvr.ruhr
49 201 2069-393


